06.2 Wohnsitz für Digitale Nomaden

Wohnsitz für Digitale Nomaden

Es ist sicherlich der Schrecken eines jeden Digitalen Nomaden, sich mit so ungeliebten Thematiken wie Steuern, Wohnsitz und Versicherungen befassen zu müssen. Doch Hand aufs Herz – mittelfristig kommen auch Digitale Nomaden nicht gänzlich daran vorbei.

Warum auch Digitale Nomaden einen wahrhaftigen Wohnsitz benötigen

Wer ohne Wohnsitz lebt, verzichtet nicht nur auf zahlreiche Annehmlichkeiten und Rechte, sondern geht auch fehl in der Annahme, persönliche steuerliche Pflichten würden durch einen solchen Schritt gänzlich der Vergangenheit angehören.

Die kursierenden Fehlinformationen im Internet zu diesem Thema sind atemberaubend. Schwere Folgen hat dies spätestens dann, sobald man nach einigen Jahren wieder irgendwo auf der Welt, oder gar wieder in der „alten Heimat“, ansässig werden möchte.

Stichworte: Kapitalherkunft, Besteuerungsnachweis, Nachweis des letzten steuerlichen Wohnsitzes, u.s.w..

Auf welche Vorteile und Rechte Sie durch ein Leben ohne ordentlichen Wohnsitz verzichten müssen, welche Gefahren und Stolpersteine Sie unbedingt kennen sollten und was wir Ihnen auf Grundlage unserer 30-jährigen Berufserfahrung anraten, erfahren Sie alles in diesem Beitrag.

Wohnsitz und Steuern

Steuerpflichten für Digitale Nomaden
Digitale Nomaden ohne Wohnsitz müssen in der Regel unverändert Steuern an das Finanzamt in der „alten Heimat“ abführen. Eine e-Residenz, eine postalische Zustellungsanschrift oder auch Zahlung von Unternehmens- oder Dividendensteuern im Ausland schützen davor ausdrücklich nicht.

In Deutschland und den meisten europäischen Ländern ist die Steuerpflicht an den Wohnsitz geknüpft. Hier gelten Personen, die ihren Wohnsitz gemäß § 8 AO oder ihren gewöhnlichen Aufenthalt gemäß § 9 Satz 1 AO in Deutschland haben, gemäß § 1 Abs. 1 Satz 1 EstG als unbeschränkt steuerpflichtig. Ein Wohnsitz ist der Ort, an dem jemand eine Wohnung inne hat die er beibehalten und benutzen wird. Unter Wohnung fällt jeder objektiv zum Wohnen geeignete Raum, insbesondere ist die Meldung bei der Polizei nicht von Bedeutung. Der Wille des Steuerpflichtigen ist nicht entscheidend. Dies bedeutet, sobald Sie dort aus steuerlicher Sicht einen Wohnsitz im Inland unterhalten, sind Sie dort auch mit Ihrem gesamten Welteinkommen steuerpflichtig.

Und selbst dann, und dies dürfte Digitale Nomaden besonders interessieren, wenn Sie beispielsweise ein ganzes Jahr mal nicht in Deutschland leben, bleiben Sie in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig (siehe auch „Bemerkenswert unbekannte Regelungen„). Um dies zu vermeiden müsste man den Wohnsitz und gewöhnlichen Aufenthaltsort vollständig aufgeben.

In den meisten Ländern ist der entscheidende Bezugspunkt für die Steuerpflichtigkeit der Wohnsitz. Eine prominente Ausnahme hiervon stellt die USA dar, denn dort genügt zur Steuerpflicht die reine Staatsangehörigkeit oder auch bereits nur der Besitz einer Green-Card. Soweit ist es in Europa noch nicht, aber wer weiß.

Bemerkenswert
Wer eine Wohnung in seiner „alten Heimat“ besitzt, angemietet hat oder auch nur über Wohnraum verfügen kann, unterhält dort weiterhin seinen Wohnsitz. „Verfügen“ bedeutet übrigens in der Juristensprache, dass Sie einen Schlüssel im Besitz haben, mit welchem Sie entscheiden können, ob Sie die Tür zu einem Wohnraum öffnen möchten oder auch nicht. Entscheidend ist, dass Sie selbst bestimmen können ob und wann Sie sich darin aufhalten. Darauf ob Sie diesen Wohnraum tatsächlich nutzen kommt es nicht an.

Es ist darüber hinaus aus steuerrechtlicher Betrachtung völlig unerheblich, ob Sie sich beim Einwohnermeldeamt in der „alten Heimat“ abgemeldet haben oder auch nicht.

Merke:
Rein durch eine Abmeldung wird Ihre unbegrenzte Steuerpflicht nicht eingeschränkt oder endet gar.

Die Gefahr durch die Anmietung von Ferienwohnung und Hotelzimmern

In den meisten europäischen Ländern, nicht nur in Deutschland, gelten Ferienwohnungen, Hotelzimmer und auch Zweitwohnungen als Wohnsitz. Denn Wohnungen sind all die Räumlichkeiten die zum Wohnen geeignet sind und über die Sie die tatsächliche (nicht rechtliche) Verfügungsmöglichkeit innehaben.
Meldet man dies nicht selbst, tritt dies häufig durch einen unfreundlichen Nachbarn, den Ex-Partner oder ehemalige Geschäftsfreunde zu Tage und zieht weitreichende Konsequenzen mit sich. Auch genügt bereits der gewöhnliche Aufenthalt an einem Ort als Anknüpfungspunkt für die Steuerpflicht. Dies ist gemäß § 9 S. 1 AO der Ort, an dem sich jemand unter Umständen aufhält, die erkennen lassen, dass er an diesem Ort oder in diesem Gebiet nicht nur vorübergehend verweilt. Eine Wohnung braucht, anders als beim Wohnsitz, nicht unterhalten werden. Unwiderlegbar wird dieses ständige Verweilen für eine Aufenthaltsdauer von sechs Monaten vermutet.

Merke:
Mehr als drei Wochen pro Jahr in einem Ferienhaus können, u.a. auch in Deutschland, die unbeschränkte Steuerpflicht begründen.

Und auch dies sollten Sie unbedingt wissen…

  • Ein Zweitwohnsitz wird wie ein Erstwohnsitz behandelt!
  • Die Abmeldung des Wohnsitzes ist kein Wegzug!
  • Die reine Anmeldung im Ausland oder die Angabe einer postalischen Adresse ist kein Wegzug!
  • Die Nutzung „fremder Räumlichkeiten“ kann durchaus einen Wohnsitz begründen!
  • Die vorübergehende Nutzung des alten Kinderzimmers bei den Eltern ist schädlich und bereits so manchem zum Verhängnis geworden.
  • Die Anmietung eines Hotelzimmers, welches einem bis auf weiteres ständig zur Verfügung steht, kann auch eine Steuerpflicht begründen.

Aber ganz heimlich geht es schon?

Aus langjähriger Praxis ist bekannt, dass leider viele Digitale Nomaden glauben, das Finanzamt würde nichts von einer Wohnung oder einem wiederholten Aufenthalt im Lande erfahren. Dies ist ein Irrglaube.

Es ist ständig damit zu rechnen, dass Finanzbeamte heimlich jede zugängliche Information sammeln und auch Bewegungsprofile erstellen. Und im Zweifelsfall bringen genutzte Firmenkreditkarten, die persönliche Kreditkarte, Gäste- und Nutzerverzeichnisse oder auch ein Passagierprotokoll einer Airline die Wahrheit ans Licht. Auf „heimlich“ sollten Sie daher ebenfalls nicht vertrauen! Die nachträgliche Aufdeckung solcher Sachverhalte kann Unsummen von Kosten verursachen. Mit einer erheblichen Inanspruchnahme ist zu rechnen, da vor allem Nachzahlungszinsen, Stundungszinsen und Zinsen bei Aussetzung der Vollziehung verlangt werden, wie es bei dem BGH Urteil vom 13. März 2008 – Az. III ZR 165/07 der Fall war. Hier verkannte der Angeklagte seine unbeschränkte Steuerpflicht aufgrund der Anmietung einer Zweitwohnung in Deutschland. Auch kann dies als Folge erhebliche Prozesskosten, Kosten für einen Rechtsbeistand, sowie grundsätzlich Unannehmlichkeiten verursachen.

Ohne Wohnsitz verlieren Sie diverse Vorteile und Rechte

Beispiel: Nutzung von Bankkonten, Merchant-Accounts und Digitalen Währungskonten
Möchten Sie als Digitaler Nomade ein Privat- oder auch Geschäftskonto besitzen, so ist bei Eröffnung die Vorlage eines gültigen Ausweisdokumentes ebenso erforderlich, wie der schriftliche Nachweis eines entsprechenden Wohnsitzes.

Der Nachweis des aktuellen Wohnsitzes kann sowohl mittels amtlicher Meldebestätigung, als auch durch Vorlage einer aktuellen Verbrauchsrechnung erfolgen. Letztgenanntes Dokument darf nicht älter als zwei Monate sein und muss Ihren vollständigen Namen, sowie Ihre reale Anschrift aufweisen.

Merke:
Verziehen Sie nach Kontoeröffnung an eine andere Adresse oder gar ins Ausland, so ist die kontoführende Bank unverzüglich, unter erneuter Vorlage der neuen Meldebestätigung oder ersatzweise auch geeigneter Verbrauchsrechnung, darüber zu benachrichtigen. Erfolgt eine solche Benachrichtigung nicht, droht u.a. eine Sperrung Ihres Kontos.

Entwicklung: Noch in diesem Jahr werden auch Anbieter von Merchant-Accounts, I-Accounts und Digitaler Währungskonten weltweit dazu verpflichtet sein, die Vorschriften „KYC“ umzusetzen. Weitere Informationen finden Sie u.a. auch unter dem Suchbegriff „Know Your Customer Policy“ auf den bekannten Suchmaschinen.

Beispiel: Flugbuchungen, Mietwagen, Hotelreservierung
Auf Platz 1 der wichtigsten Werkzeuge eines Digitalen Nomaden ist unbestritten der PC, gefolgt von einer weltweit akzeptierten Kreditkarte.

Warum? Wer im Ausland schon einmal einen Mietwagen anmieten wollten, der weiß, ohne eine „echte“ Kreditkarte geht nahezu nichts mehr. Ähnlichen Problemen zeigen sich mittlerweile auch bei Flug- und Hotelbuchungen. Eine weltweit akzeptierte Kreditkarte ist daher für Digitale Nomaden in der Regel unverzichtbar.

Jedoch gibt es keine Kreditkarte ohne Wohnsitz
… denn was für die Eröffnung von Bankkonten, I-Accounts, Merchant Accounts und Digitalen Währungskonten gilt, besitzt auch seine Gültigkeit für die Beantragung einer international akzeptierten Kreditkarte – kein Wohnsitz, keine Kreditkarte.

PayPal, Payoneer, MasterCard, Paxum & Co.
Zwar sitzen viele der oben beispielhaft genannten Anbieter in den USA oder auch Canada, doch wer glaubt, er könne auf diesen „Konten und Karten“ unerkannt Einnahmen generieren, um diese anschließend am Geldautomaten / ATM wieder in Bargeld umzuwandeln, der irrt!

Ob eine Datenspeicherung durch die Zentralbank oder durch die Finanzbehörden vorgenommen wird, spielt letztendlich keine Rolle. Das Ergebnis ist identisch und länderspezifische Informationsabkommen mit Canada/USA unterhalten zahlreiche europäische und nicht europäische Staaten.

Das Argument „ein Freund macht es so schon seit Jahren“, sollte Sie nicht überzeugen.

Leben im Ausland und das Bankkonto in der „alten“ Heimat – funktioniert das?

Nein, denn …
… verziehen Sie nach Kontoeröffnung an eine andere Adresse oder gar ins Ausland, so ist die Bank unverzüglich, unter erneuter Vorlage der neuen Meldebestätigung oder ersatzweise auch geeigneter Verbrauchsrechnung, darüber zu benachrichtigen. Erfolgt eine solche Benachrichtigung der Bank durch Sie nicht, droht u.a. die Sperrung Ihres Kontos.

… die Steuerpflicht in der „alten“ Heimat endet nicht ohne weiteres durch eine stete Abwesenheit oder Abmeldung beim heimischen Einwohnermeldeamt, wie Sie spätestens jetzt wissen. Ein weiterhin aktives Bankkonto könnte daher sogar ein Indiz dafür sein, dass der „wirtschaftliche Mittelpunkt“ unverändert in der „alten“ Heimat gelegen ist und somit eine unbeschränkte Steuerpflicht bestehen bleibt.

Hinweis: Vergessen Sie nicht, in der Regel können Finanzämter auch weiterhin ungehindert Einsicht in Ihre im Inland verbleibenden Bankkonten nehmen.

Beispiel: Die Finanzierung des Lebensunterhalts
Wie finanzieren Sie als Digitaler Nomade Ihren Lebensunterhalt? Durch den Verkauf von Produkte, durch digitale Dienstleistungen, mittels Trading?

Was auch immer Sie an geschäftlichen Tätigkeiten ausüben bzw. ausüben möchten, folgende Aspekte sollten Sie beachten:

Sie benötigen für jede Art geschäftlicher Tätigkeit, sogar für das Trading auf eigene Rechnung, ein geeignetes Vehikel. Bedeutet, nicht nur aus haftungstechnischen Gründen, sondern auch zu Ihrem eignen steuerlichen Wohl und zum Wohle Ihrer Kunden, benötigen Sie ein Firma, eine Gesellschaft oder ein ähnliches Gebilde.

  • …weil Ihr Kunde sonst keine Zahlungen an Sie steuerlich geltend machen kann,
  • …Sie sonst unter Umständen gegen geltendes Umsatzsteuerrecht verstoßen,
  • …Sie ohne jeden steuerlichen Sitz nicht frei sind, sondern Ihre Freiheit riskieren,
  • …weil auch Offshore Gesellschaften ihre Anonymität spätestens dann verlieren, wenn Sie ein Geschäftskonto für die Gesellschaft eröffnet haben,
  • …und u.a. weil Sie nur durch Steuerfreiheit per Gesetz, nicht durch Reisen, Ihre Steuerpflicht „vergessen“ können.

Hinweis: E-Commerce und die Umsatzsteuer
Wer ab dem 01. Januar 2015 daher Leistungen auf elektronischem Wege an Verbraucher innerhalb der Europäischen Union erbringt, ist zur Berechnung und Abgabe der Umsatzsteuer verpflichtet. Erwirbt also beispielsweise eine in der EU ansässige Privatperson ein E-Book von einer NON-EU-Gesellschaft, so unterliegt der vom Verkäufer erhobene Kaufpreis der Umsatzsteuerpflicht innerhalb der Europäischen Union.

Die neuen Pflichten zur Registrierung einer EU-Umsatzsteuernummer betreffen Download-Produkte, E-Books, Webhoster, SEOs, Telekommunikation, Broadcasting, kostenpflichtige Communities, Online-Tools, Onlinespiele, Webdesign, Onlinemarketing, Streaming, Online-Recherchedienste und sonstige auf elektronischem Weg erbrachte Leistungen und Produkte für Endverbraucher.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auch auf unserer Webseite https://www.vat-eu.com – und an dieser Stelle mehr zum Thema e-Residenz in Estland und die europäische Gesellschaft mittels Estland Firmengründung.

Hinweis: „Keine Zahlung ohne Rechnung“
Dieser Grundsatz hat auch heute noch Bestand, vielleicht sogar mehr als jemals zuvor.

Damit Ihr europäischer Kunde eine bereits an Sie geleistete Zahlung als betriebsbedingte Aufwendung bei seinem Finanzamt geltend machen kann, bedarf es dort der Vorlage einer „ordentlichen Rechnung“. Diese muss u.a. Namen, Anschrift, Umsatzsteuernummer und Steuernummer des Rechnungsstellers enthalten.

Auch werden die meisten Kunde zu ihrer Sicherheit eine entsprechende Rechnung verlangen. Diese kann später sowohl Ihnen als auch Ihrem Kunden zu Beweiszwecken dienen und zeugt von der Seriosität und Vertraulichkeit Ihres Geschäftes.

Fazit: Ohne zumindest eine juristische Person, eine reale Gesellschaft also, können Sie eine solch „ordnungsgemäße Rechnung“ Ihrem Kunden nicht ausstellen.

Das Problem ohne einen Wohnsitz? Sowohl zu einer Firmengründung, und dies gilt unabhängig vom Standort, als auch zur Kontoeröffnung, benötigen Sie erneut den Nachweis eines aktuellen Wohnsitzes. Übrigen gilt dies auch, wenn Sie beispielsweise per e-Residenz an eine Bank herantreten. Auch in Finnland!

Beispiel: Krankenversicherung im Ausland
Möchten Sie Ihr Leben überwiegend im Ausland verbringen oder Ihren Wohnsitz, vielleicht auch aus steuerlichen Gründen, nicht in der „alten“ Heimat beibehalten wollen, so endet Ihr Krankenversicherungsschutz entweder durch dauerhaftem Auslandsaufendhalt, spätestens jedoch mit Ihrer amtlichen Abmeldung. Zumindest Grundsätzlich!

Hinweis: Reisekrankenversicherungen bieten nur Schutz in Verbindung mit einer bereits bestehenden inländischen Krankenversicherung, sie sind zeitlich begrenzt in der maximalen Dauer des Auslandsaufenthaltes, setzen eine festen Wohnsitz voraus und eignen sich somit nicht für ein Leben als Digitaler Nomade.

Natürlich, auch im Ausland können Sie an fast jeder Ecke eine neue Private Krankenversicherung beantragen, doch ohne Angabe und Nachweis eines Wohnsitzes wird die Annahme Ihres Antrags in der Regel abgelehnt werden.

Und ohne Krankenversicherungsschutz?
Vertrauen Sie lieber nicht auf den Eid des Hippokrates. Wer sich schon einmal ohne Versicherung, Kreditkarte oder Bargeld im Ausland behandeln lassen wollte, weiß, dies kann verdammt in die Hose gehen und ist sprichwörtlich ein lebensgefährlicher Plan.

Ohne Krankenversicherungsschutz kommen auf Sie erschreckend hohe Kosten zu, welche Sie vollständig selbst tragen müssen.

Beispiel: Strafrecht
Probleme bei der Neubeantragung eines Reisepasses, strenge Meldepflichten im Ausland, der Verzicht auf Sozialleistungen – die Liste an Beispielen, welche gegen ein Leben ohne Wohnsitz spricht, lässt sich nahezu unendlich fortsetzen. Doch ein Punkt ist uns abschließend noch besonders wichtig. Warum? Ein kurzes Beispiel wird Ihnen dies verdeutlichen:

Nehmen wir an, Sie befinden sich in einem südamerikanischen oder auch asiatischen Land. Nach einer Wanderung steigen Sie in Ihren Mietwagen, fahren zurück in die Stadt und wie es das Schicksal will, läuft Ihnen unvermittelt ein Kind vor Ihr Fahrzeug.

Ohne festen Wohnsitz bedeutet dieses schlimme Ereignis „Sie kommen direkt in das Gefängnis…“, zumindest bis alle Umstände, die zu diesem schrecklichen Unfall geführt haben, sich hoffentlich zu Ihren Gunsten aufgeklärt haben. An eine Heimreise bis zum Prozessbeginn wäre nicht zu denken.

Und nicht nur ein so tragischer Unfall, wie in diesem Beispiel, kann ohne Wohnsitz enorm unangenehme Folgen für Sie haben. Bedenken Sie auch die bei Ihrer Entscheidung, ob Sie wirklich ohne Wohnsitz durch die Welt reisen möchten.

Beispiel: Eheschließung
Auch dürfte es Probleme geben, wenn der Wunsch zur Eheschließung besteht.
Die Eheschließung in Deutschland erfolgt gemäß § 1310 Abs. 1 Satz. 1 BGB vor dem zuständigen Standesbeamten. Dessen Zuständigkeit ist meist abhängig von dem Wohnsitz der angehenden Ehepartner. Besteht kein Wohnsitz kann keine Zuständigkeit eines Standesbeamten ermittelt werden.

Ohne Standesbeamte kann in Deutschland keine Zivilehe geschlossen werden. Die kirchliche Ehe ist nicht rechtsgültig. Somit können Partner auch nicht den grundrechtlichen Schutz der Ehe gemäß Art. 6 Abs. 1 GG genießen und erfahren nicht die rechtlichen Vorteile dieser. Insbesondere erfolgt kein Ehegattensplitting, steuerliche Vorteile können nicht gezogen werden.

Auch kann, sofern eine Ehe besteht, ein Güterstand, welcher nicht dem gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft nach §§ 1363 ff. BGB entspricht, nicht in ein Güterrechtsregister eingetragen werden. Grund hierfür ist, dass die Zuständigkeit des Registergerichts gemäß § 1558 Abs. 1 BGB sich nicht dem gewöhnlichen Aufenthaltsort eines Gatten richtet. Die Eintragung ist gemäß § 1412 Abs. 1 BGB entscheidend für die Geltendmachung von Einwendungen gegenüber Dritten gegen ein Rechtsgeschäft.

Beispiel: Gerichtliche Geltendmachung von Rechtsstreitigkeiten
Im Zivilrecht ist die Zuständigkeit der ordentlichen Gerichtsbarkeiten gemäß § 12 ZPO grundsätzlich davon abhängig, wo eine Person ihren allgemeinen Gerichtsstand hat. Gemäß § 13 ZPO wird dieser durch den Wohnsitz einer Person bestimmt. Das bedeutet, dass sich grundsätzlich dasjenige Gericht der Sache annimmt, welches aufgrund des Wohnsitzes der Person zuständig ist.

Natürlich gibt es auch weitere Regelungen über besondere Gerichtsstände, aber die Bedeutung des Wohnsitzes für diesen Sachverhalt ist vor allem an § 16 ZPO erkennbar. Hiernach wird der allgemeine Gerichtsstand einer Person nach demjenigen Ort bestimmt, an dem sie sich im Inland aufhält. Ist dieser nicht bekannt, wird er durch den letzten bekannten Wohnsitz bestimmt.

Für die involvierten Personen kann dies unangenehme Folgen haben, da sie weit zu einer Verhandlung anreisen zu müssen und sich nach einer Bleibe umsehen müssen. Auch wird man schließlich an besagtem Ort einen Rechtsbeistand auffinden müssen, da kaum jemand bereit sein wird für ein „alltägliches“ Verfahren eine weite Reise anzutreten.

Durch das Fehlen eines Wohnsitzes würde ein gerichtlich einfach zu regelndes Problem große Belastungen und Kosten mit sich bringen.

Unser Tipp: Verlassen Sie sich nicht auf Halbwissen, sondern lassen Sie sich fachlich beraten. Unsere Steuerberater und Juristen sind für Sie da.

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